Immer weniger junge Ärzte sind bereit, in eigener Praxis unternehmerisch tätig zu werden. Eine Landarztpraxis und eine gesunde Work-Life-Balance – für Viele ist das schwer vorstellbar. Wie lässt sich die medizinische Versorgung zukünftig sichern, wenn in einer alternden Gesellschaft immer mehr Menschen auf medizinische Hilfe und Unterstützung im Alltag angewiesen und die Kassen leer sind? Wir stehen vor großen Herausforderungen. Beim LiveTalk „Hausärztliche Versorgung: So lösen wir die Probleme!“ haben wir mit zwei Experten gesprochen, die das Thema angehen auf zwei Wegen mit einem Ziel – einer zukunftssicheren hausärztlichen Versorgung.
Dr. med. Jonas Fröhlich (1) ist seit 2017 Hausarzt in eigener Praxis in Kaiserslautern. Er hat in verschiedenen Stationen seiner ärztlichen Tätigkeit immer wieder erlebt, wie belastend sich Schwächen in den Abläufen und Dokumentationsprozessen auf alle Beteiligten auswirken. Als Praxisleiter schafft er mit digitalen Assistenten, Telemedizin und Prozessoptimierungen Abhilfe. “Wir kaufen heute Autos online, können aber keine medizinischen Berichte verschicken, das kann nicht sein!“
Linus Drop (2) ist Gründer und Geschäftsführer von Lillian Care GmbH (3). Zuvor arbeitete er bei Krankenkassen und Startups u. a. an Hausarztverträgen, elektronischen Patientenakten und digitalen Versorgungsprogrammen. Eine Reise nach Finnland gab den entscheidenden Impuls für sein Versorgungskonzept, mit dem er das Unterversorgungsthema in Deutschland lösen möchte. „Ich habe in Finnland erlebt, dass Patienten in Arztpraxis zunächst alle bei einer akademischen Nurse landen. In 60 Prozent der Fälle verlassen die Patienten die Praxis, ohne Kontakt zu einem Arzt, und sind dabei gut versorgt. In Finnland ist die Lebenserwartung (4) sogar höher als bei uns.“ Lediglich die Zahl der Studienplätze zu erhöhen oder mit Landarztprämien Anreize zu schaffen, damit junge Ärzte auf dem Land praktizieren, sei keine Lösung. „Ein Medizinstudent, der sich heute als Erstsemester einschreibt, steht erst in 11 bis 13 Jahren als Facharzt in der Versorgung zur Verfügung, das Problem bekommen wir allein auf diesem Weg also nicht in den Griff." Er ist überzeugt: Wir brauchen neue Versorgungslösungen!
Hausärztliche Versorgung in Zahlen
- Über 55.000 Hausärztinnen und Hausärzte nehmen an der vertragsärztlichen Versorgung teil.
- Durchschnittlich 60–63 Hausärzte versorgen 100.000 Einwohner, es gibt jedoch große regionale Unterschiede.
- 40 Prozent der Hausärzte sind älter als 60 Jahre – viele gehen bald in den Ruhestand.
- Prognose: 2035 fehlen rund 11.000 Hausärzte in Deutschland (5)
Hausärzte - stark belastet durch Bürokratie & Organisation
Im Praxisalltag versorgt Jonas Fröhlich grundsätzlich zwei Patientengruppen: Junge Menschen mit akuten Erkrankungen, die nach wenigen Tagen wieder fit sind. Und die zweite Gruppe, die die eigentliche Herausforderung darstellt: „Es sind Menschen mit chronischen Erkrankungen, die neben der therapeutischen Begleitung häufig auch unseren Zuspruch oder ganz praktische Alltagshilfe brauchen. Wir übernehmen für diese Patienten die zentrale Koordination der fachärztlichen Einschätzungen und koordinieren als Hausärzte die Verlaufskontrollen. Das ist viel organisatorische Arbeit, auch mit Angehörigen, Pflegeheimen, stationären Einrichtungen. Und auch innerhalb der Praxis gibt es viele Prozesse und Abläufe zu regeln. Mir macht das Spaß, meinen Praxiskollegen nicht, deshalb übernehme ich das für sie. Ich bin ungefähr 35,5 Stunden als Arzt tätig, 3 Stunden als Personalmanager, 3 Stunden als Abrechnungsspezialist, 0,5 Stunden als Hausmeister und nochmal eine halbe Stunde als Immobilienverwalter tätig. Ich mache meinen Beruf sehr gerne, wenn ich viel Zeit mit unnötiger Kommunikation verschwenden muss, weil Dinge schlecht organisiert und abgesprochen sind, ärgert mich das,“ beschreibt Jonas Fröhlich den Arbeitsalltag als Hausarzt in eigener Praxis.
Praxisalltag entlasten - mehr Digitalisierung
In Fröhlichs Praxis übernimmt z. B. der KI-Assistent „Leonardo“ das Telefon und kann 60 Prozent aller Anrufe abschließend erledigen. Er vergibt Termine, bearbeitet Rezeptanforderungen und Überweisungen und erkennt sogar Notfälle. “Diese Anrufe werden dann direkt an einen Mitarbeiter durchgestellt, der die Arbeit unterbricht. Auch wenn fachärztliche Kollegen anrufen oder Mitarbeiter aus Pflege- und Altenheimen, oder auch wenn Apotheken Fragen zu Verordnungen haben, erkennt das der KI-Assistent und stellt sie direkt durch. Wir sehen viele Vorteile: Die Patienten hängen nicht in der Warteschleife, die Mitarbeiter werden nicht durch ständiges Klingeln unterbrochen und können ungestört arbeiten, wir können Notfälle schneller erkennen und schneller als bisher reagieren,” beschreibt Fröhlich die vielen Vorteile. 10 Prozent der Patienten lehnen allerdings in seiner Praxis die Nutzung dieser digitalen Tools ab.
In Lillian Care Praxen geht die Digitalisierung noch einen Schritt weiter. Alle Praxen sind digital vernetzt und arbeiten mit einer gemeinsamen Datenhaltung und standardisierten Abläufen, um die sich die Ärzte in den Einzelpraxen nicht kümmern müssen. Das spricht vor allem Ärzte an, die nicht selbst unternehmerisch tätig sein wollen.
"Fragt man angehende Mediziner, können sich nur noch wenige vorstellen, eine Praxis zu führen und sich um Mitarbeiter und Organisation zu kümmern. 80 Prozent wollen das nicht," so die Erfahrung von Linus Drop.
Vom Onboarding der Patienten bis zur Nachbefragung - digitalisierter Prozess
Die Ablauf ist in allen Praxen identisch:
- Bevor ein Patient in einer Lillian Care Praxis auf der Website einen Termin bucht, fragt ein digitaler Assistent maximal fünf Fragen pro Symptom ab.
- Auf Grundlage dieser digitalen Prä-Anamnese fällt dann die Entscheidung, ob der Patient zuerst einen Physician Assistant (PA) oder einen Arzt sieht.
- Wird der Patient dem PA zugeordnet, wird ein definierter Behandlungspfad abgearbeitet. In diesen Pfad sind sog. Red Flaggs eingebaut, also Ereignisse oder Symptome, die auf ein schwerwiegenderes Problem hindeuten könnten.
“Dann wird direkt ein Arzt hinzugezogen. Das passiert aktuell in ca. zwei Prozent aller Fälle. Der Algorithmus, der die Zuordnung macht, wird immer besser,” erklärt Linus Drop und fügt hinzu: “Mit KI-Tools unterstützen wir die Ärzte nicht nur in der Prä-Anamnese, sondern auch in der Dokumentation des Arzt-Patienten-Kontaktes, das reduziert den bürokratischen Aufwand erheblich und setzt ärztliche Ressourcen frei.”
Durch Feedback lernen und Versorgungsprozesse weiter optimieren
In den Lillian-Praxen bekommen alle Patienten nach einem Praxiskontakt am Folgetag einen Fragebogen, entweder über die Praxis-App oder per Mail, um das Nutzererlebnis zu bewerten. „Jeder vierte Patient macht Gebrauch davon. Uns liegen mittlerweile mehr als 3000 Feedbacks von Patienten vor. Die Befragung umfasst verschiedene Aspekte: Waren Sie zufrieden mit der medizinischen Behandlung? Auf diese Frage antworten 95 Prozent mit ja. Nochmal zur Erinnerung. 60 Prozent dieser Kontakte hat primär ein PA behandelt! Und das vor dem Hintergrund, dass das Patientenklientel in den von uns versorgten Gebieten im ländlichen Raum eher älter und auch tendenziell konservativer ist, was Innovationen anbelangt,” erklärt Linus Drop. "Die Daten aus dem Feedbacks von Patienten sowie aller Behandler unterstützen die Weiterentwicklung der Algorithmen in unseren Versorgungsprozesse. Sie machen transparent, wo Abläufe verbessert werden können und zeigen, dass die neuen Modelle in der Praxis gut funktionieren," ergänzt Drop.
Erste wissenschaftliche Auswertungen zur Evaluation der Versorgungsqualität laufen bereits, etwa in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Hochschule Hannover.
„Patientenzufriedenheit allein ist kein Qualitätsindikator – entscheidend ist immer die leitliniengerechte, evidenzbasierte Versorgung," merkt Fröhlich an.
Er fragt in seiner Praxis gezielt bei Patienten nach, wie die Veränderungen ankommen, führt allerdings selbst keine wissenschaftliche Begleitevaluation durch. "Deshalb bin ich gespannt auf die Auswertung aus den HÄPPI Praxen in Rheinland-Pfalz. Dort wird die Rolle akademisierter Assistenzberufe erprobt und wissenschaftlich evaluiert, wie sich das Konzept auf die Versorgungsqualität auswirkt. Erste Ergebnisse erwarten wir in 2026 (6)," so der Hausarzt.
Flexiblere Arbeitszeiten – aber Sicherstellungsauftrag bleibt
Hybride Arbeitsmodelle wie bei Lillian Care ermöglichen Hausärzten, bis zu zwei Tage pro Woche aus dem Home-Office zu arbeiten. Auch in der Praxis von Jonas Fröhlich hat sich die Arbeit im Home-Office fest etabliert. Das macht den Beruf attraktiver, vor allem für jüngere Medizinerinnen und Mediziner, die mehr Wert auf Work-Life-Balance legen.
Allerdings gibt es Grenzen: Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) schreiben Mindestöffnungszeiten für Praxen vor, um die Versorgung im Rahmen des Sicherstellungsauftrags zu gewährleisten. Ärztliche Leistungen, die zeitnah und ungeplant vor Ort nötig sind – etwa die Feststellung einer Todesursache – machen die Präsenz von Ärzten unverzichtbar. Home-Office ist also ein wichtiges Flexibilisierungsinstrument, ersetzt aber nicht die ärztliche Präsenz in der Fläche. "Wir brauchen für unserer Praxen deshalb weiterhin Ärzte, die bereit sind, drei Tage die Woche aufs Land zu kommen," betont Linus Drop.
Auch die Delegation an nicht-ärztliches Personal bringt Entlastung
Ein zweiter, wichtiger Hebel ist die Delegation an qualifizierte Physician Assistants (PA) oder sog. VERAHs, das sind Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis, die sich als medizinische Fachangestellte durch eine spezielle Weiterbildung fortgebildet haben, um arztentlastende Aufgaben zu übernehmen und die Patientenversorgung zu unterstützen. Auch in der Hausarztpraxis von Jonas Fröhlich sind sie eine feste Größe. „Die Mitarbeiter haben wir in der Praxis, das Problem sind derzeit die Vergütungsstrukturen, die immer noch stark arztzentriert sind, d. h. nur bei Mitwirkung eines Arztes können bestimmte Leistungen abgerechnet werden," so Fröhlich. “Es wäre ein wichtiger Schritt, dass für Leistungen bezahlt wird, unabhängig davon, wer die Prozedur durchgeführt hat,“ so die pragmatische Einschätzung des Hausarztes. In seiner Praxis hat er das Problem durch Versorgungsverträge mit den Kassen gelöst, die die Vergütung von Leistungen der PA oder MFA individuell regeln.
Regulatorische Hürden - Bremsklotz für innovative Versorgungsmodelle
Die größten Bremsklötze sind gesetzliche Rahmenbedingungen, die flexible Versorgungskonzepte schwer umsetzbar machen:
Mindestöffnungszeiten erschweren Home-Office-Modelle
Auch wenn eine Praxis offen ist und alle Untersuchungen, z. B. EKG, Ultraschall und Labor durchgeführt werden können und der Arzt zur Befundung online zugeschaltet werden kann, wird diese Zeit nicht als Praxisöffnungszeit angerechnet. Eine Praxis muss aber einen Anteil von 20 Prozent Mindestsprechzeit vorweisen, um im Rahmen des KV-Sicherstellungsauftrages arbeiten zu können.
Telemedizinische Leistungen und delegierte Tätigkeiten werden schlechter vergütet.
Rechtlich handelt es sich um eine Fernbehandlung, wenn der Arzt nicht vor Ort ist und die Leistungen telemedizinisch aus dem Home-Office erbringt. Das bedeutet für die Praxis einen Honorarabschlag von 20 Prozent.
„Wir müssten gefühlt 17 Gesetze ändern, um das finnische Modell in Deutschland 1:1 einzuführen“, so Drop.
Deshalb setzt Lillian Care auf Lösungen innerhalb der bestehenden Regulatorik. “Um z. B. die Anforderungen im Rahmen des Sicherstellungsauftrages zu gewährleisten, agieren wir bei Lillian-Care in unterversorgten Gebieten in sog. Praxis-Clustern, so dass sich unsere Praxen gegenseitig vertreten können, z. B. in Urlaubszeiten oder bei solchen Aufgaben wie der Totenschau. Denn nach unserer Erfahrungen fallen andere Praxen in den unterversorgten Gebieten aufgrund hoher Überlastung für Vertretungen häufig aus,” erklärt Drop.
Fazit: Sichere, hausärztliche Versorgung ist gestaltbar!
Delegation und Digitalisierung sind die entscheidenden Stellschrauben, um die hausärztliche Versorgung auch mit weniger Ärzten sicherzustellen – und zwar ohne Qualitätsverlust. Ärztinnen und Ärzte gewinnen Zeit für Patienten, die Arbeitsbedingungen werden attraktiver. Gleichzeitig entsteht ein flexibleres, effizienteres Versorgungssystem. “Es braucht noch mehr und besser funktionierende Schnittstellen für effiziente Prozesse in unseren Praxen, um bürokratischen Ballast abzuwerfen, besser zu kommunizieren und mehr Zeit für unsere Patienten zu gewinnen“, fordert Jonas Fröhlich. „Die Regulatorik muss Freiräume schaffen für die neuen Versorgungsszenarien in der hausärztlichen Versorgung. Wo Patientensicherheit geschützt und weiter verbessert wird, ist sie unverzichtbar, wo sie Kreativität und Dynamik der Ärzteschaft einschränkt, brauchen wir Lockerungen,“ so das Fazit von Linus Drop.
„Wenn wir es schaffen, nicht-akademisierte Assistenzberufe stärker einzubinden und Digitalisierung besser zu nutzen,haben wir in Deutschland auch zukünftig kein Versorgungsproblem!“ so die Einschätzung der beiden Experten.
Vielen Dank an Dr. med. Jonas Fröhlich und Linus Drop für die spannenden Einblicke beim Healthcare Shapers LiveTalk „Hausarztversorgung: So lösen wir die Probleme!“ am 02.09.2025.
Der Talk wurde wie immer moderiert von Günther Illert und Dr. Ursula Kramer
Quellen:
- Dr. med. Jonas Fröhlich https://www.praxisfroehlichkl.de/
- Linus Drop https://www.linkedin.com/in/linus-telemedicine/
- Lillian Care GmbH https://lillian-care.de/was-wir-tun/
- Finnland: Lebenserwartung https://www.laenderdaten.info/laendervergleich.php?country1=FIN&country2=DEU
- Studie Robert Bosch Stiftung https://www.bosch-stiftung.de/de/presse/2021/05/2035-fehlen-deutschland-rund-11000-hausaerzte-experten-empfehlen-den-aufbau-von
- HÄPPI Praxen in Rheinland-Pfalz https://www.hausarzt-rlp.de/index.php/hausaerztetage-kampagnen/haeppi-projekt