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Virtual Reality (VR) kann man nicht beschreiben, VR muss man selbst erleben – ganz im Sinne dieser Erkenntnis richtet sich der folgende Beitrag an alle „Healthcare-Interessierte“, die sich auf der Suche nach innovativen Lösungen für den Gesundheitsbereich gerne inspirieren lassen. Auf dieser Entdeckungsreise durch virtuelle Welten sind viele weiterführende Links und Fundstücke hinterlegt, die dazu animieren sollen, das ein oder andere Fallbeispiel im eigenen Umfeld oder fürs eigene Geschäft zu testen und auszuprobieren.

Virtual Reality – eine revolutionäre Technologie

Obwohl es bereits in den neunziger Jahren zahlreiche Ansätze gegeben hat, mit der Entwicklung der Computertechnologie bessere VR-Datenbrillen zu produzieren, scheiterten alle Versuche an der unzureichenden Immersion der Benutzer in der virtuellen Welt und an der geringen Qualität und Leistungsfähigkeit der Computer und Displays.

Enorme Fortschritte bei der Entwicklung von sehr leistungsfähigen Computer-Prozessoren und Grafikkarten führten dazu, dass im Jahre 2012 ein damals 19-jähriger junger Mann namens Palmer Luckey und Gründer der Firma Oculus den Entschluss fasste, diese Komponenten zusammenzuführen, um ein Head-Mounted Display (HMD) zu konstruieren. Dieses versetzte ihn in die Lage, nicht nur vor dem Bildschirm immersive Spieleerlebnisse zu erfahren, sondern das Gefühl zu haben, selbst Teil der virtuellen Welt zu sein.

Mit dem 2,3 Milliarden US-Dollar teuren Kauf von Oculus durch Facebook Im März 2014 und der rasanten Entwicklung der VR-Technologie in den letzten fünf Jahren eröffneten sich nicht nur neue Geschäftsmöglichkeiten für innovative, atemberaubende Business-Anwendungen im Non-Gaming Bereich. Auch sehr interessante Fallbeispiele für medizinische Anwendungen und für den Einsatz im Gesundheitswesen gerieten in den Fokus des Interesses.

Die VR-Technologie ermöglicht es, den Träger einer VR-Datenbrille in eine andere virtuelle Welt zu teleportieren. Das Präsenzgefühl, also das erlebte Gefühl in dieser virtuellen Welt zu sein, ist mit den neuartigen VR-Brillen so stark, dass sich dadurch komplett neue Therapie-, Schulungs- und Marketingansätze ergeben.

Viele potenzielle Fallbeispiele wurden bereits im Medizinbereich und in der Pharmaindustrie getestet und umgesetzt. Einzelne ausgewählte Anwendungsfälle und Referenzprojekte, die entsprechende Mehrwerte in verschiedenen Businessbereichen generiert haben, sind im Folgenden zusammengestellt.

Anwendungsbereiche für Virtual Reality

VR im Gesundheitswesen konzentriert sich auf drei Hauptaspekte:

  • chirurgische Ausbildung und Schulungen
  • medizinische und gesundheitliche Prävention
  • medizinische Rehabilitation und Psychologische Therapie

Im Pharma- und Dienstleistungssektor liegen die aktuellen Schwerpunkte in den Bereichen

  • Produktmarketing
  • Unternehmenspräsentationen.

Ausbildung, Schulung und Training

 Medizinische und gesundheitliche Prävention

Medizinische Rehabilitation & Psychologische Therapie

Produktmarketing

Unternehmenspräsentationen

Der Blick in die Zukunft

Erste konkrete Umsetzungen in anderen Industriesegmenten und in den Bereichen eCommerce, Entertainment, Unternehmensschulungen und Trainings lassen noch weitere Einsatzgebiete erahnen: Die virtuelle Apotheke, der virtuelle Berater, virtuelle Hausbesuche, der Patientenaustausch in sozialen Räumen mit Betroffenen und eigenem Avatar. Es gibt viele Gründe dafür, weshalb diese Anwendungen im Bereich Gesundheitswesen noch in den Kinderschuhen stecken. Dazu gehören gesetzliche Vorgaben (Patientenschutz und Vertraulichkeit von Daten), das komplexe Ökosystem mit Patienten, Ärzten, Therapeuten, Krankenkassen, Behörden, Kliniken und Pharmaunternehmen sowie die Tatsache, dass die für viele Anwendungen notwendigen Hochleistungs-VR-Brillen insbesondere für den Endkonsumenten nicht unerhebliche Kosten bedeuten.

Tipps zum Einstieg in Virtual Reality

Trotz der genannten Herausforderungen gibt es bereits zahlreiche Möglichkeiten, einen schnellen und kostenmäßig akzeptablen Einstieg in diese neue Technologie zu finden.

Mit sogenannten Cardboards kann man bereits viele VR-Inhalte mit seinem eigene Smartphone ausprobieren. Auch wenn die Immersion und das Präsenzgefühl mit diesen einfachen aber kostengünstigen Modellen sehr eingeschränkt sind, können insbesondere 360°-Videos tolle Erlebnisse schaffen und vielen Sachverhalten eine komplett neue Perspektive liefern. Diese Brillen kommen dann zum Einsatz, wenn man Endkonsumenten oder Online-Marketing- und Kommunikationskanäle (wie z.B. YouTube) bedienen möchte.

Mit mobilen, kabellosen, qualitativ hochwertigen VR-Brillen wie z.B. der Samsung GearVR, der ZeissVR One, der Google Daydream oder zukünftig der Oculus Go kommt man dem eigentlichen Präsenzgefühl in virtuellen Welten bereits sehr nahe. Derartige kabellose Systeme finden vornehmlich den Einsatz auf Veranstaltungen, im Marketing und im Vertrieb.

Für medizinische Simulationen und für Echtzeit-VR-Erlebnisse mit möglichst hohem Bewegungsspielraum sind die leistungsfähigeren High-end-VR-Brillen notwendig, die an einen PC oder an ein Laptop mit einer leistungsstarken Graphikkarte angeschlossenen sind. Marktführer für Businessanwendungen sind hier momentan die Systeme von Facebook mit der Oculus Rift und von HTC mit der Vive. Entsprechende ergonomische Controller ermöglichen das vollständige Eintauchen in die virtuellen Welten bei hoher Interaktivität mit den eigenen Avatarhänden.

Benutzerfreundliche und intuitive Software-Tools wie z.B. die Virtual Reality Suite ermöglichen dem interessierten Anwender ohne Programmierkenntnisse, selbst erste beeindruckende VR-Erlebnisse und VR-Präsentationen zu erstellen, um mögliche mehrwertgenerierende Fallbeispiele zu testen und bewerten zu können.

Weitere Inspirationen und zahlreiche qualitativ beschriebene Fallbeispiele aus unterschiedlichsten Branchen hat der Autor in einer Kooperation mit KPMG in der Studie „Neue Dimensionen der Realität“ zusammengefasst.

Bildquelle: © Fotolia, chrombosan

Telegesundheit-Systematik_Healthcareshapers_com

Seit Jahrzehnten sind die USA neben Kanada und den skandinavischen Ländern eine der internationalen Vorreiter in der Anwendung elektronischer Kommunikationsgeräte zur Unterstützung der Gesundheitsversorgung. In den Fünfzigerjahren erhielt die Mayo Klinik ein elektronisch übertragenes EKG aus Australien, in den Sechzigern wurden Astronauten im Welttraum telemetrisch überwacht und in den Siebzigern wurde Telemedizin schon früh großflächig eingesetzt, um die Gesundheitsversorgung in den indianischen Reservaten zu verbessern. In den Neunzigerjahren sorgte dann die Einführung der Teleradiologie zu der ersten Massenverbreitung einer telemedizinischen Anwendung – auch in Deutschland. Die Digitalisierung radiologischer Untersuchungen ermöglichte es, radiologische Befunde innerhalb von 20 Minuten zu erhalten, und das rund um die Uhr. Durch einen Einblick in die Eigenschaften und Vorzüge erfolgreicher, aktueller Telemedizin-Applikationen in den USA gibt dieser Artikel einen Ausblick darauf, was auch in Deutschland möglich sein könnte.

Telegesundheit („Telehealth“) beschreibt das allgemeine „Bereitstellen von Gesundheitsdienstleistungen aus der Ferne“. Es umfasst Dienste wie den Onlinezugriff auf Gesundheitsinformationen sowie Patientenportale, über die Patienten zum Bespiel auf ihre Gesundheitsdaten zugreifen oder Termine vereinbaren können. Telemedizin, als Untergruppe der Telegesundheit, ist „das Praktizieren von Medizin aus der Ferne“, zum Beispiel, wenn Ärzte Patienten untersuchen, überwachen, beraten oder behandeln. Zu den drei Hauptausprägungen der Telemedizin zählen:

  1. Interaktive Patientenversorgung – Interaktive Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten, wie Gespräche oder Untersuchungen mit Hilfe eines Telefons, Videos oder von Textnachrichten
  2. Patientenfernüberwachung – Periodische, asynchrone oder kontinuierliche Überwachung und Übertragung von Vitalparametern, wie Gewicht, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Glukoseniveau, Herzfrequenz oder Herzrhythmus
  3. Store and Forward – Asynchrone Erfassung und Übertragung von Bildern, Videos oder Ton, zum Beispiel gefaxte EKGs, Bilder von Melanomen sowie radiologische Aufnahmen.

Einfach ausgedrückt ist Telegesundheit eine weitere Möglichkeit, Gesundheitsdienstleistungen bereitzustellen und Medizin zu praktizieren. Der Unterschied zur traditionellen Versorgung ist, dass Patient und Arzt (oder andere Anbieter, wie zum Beispiel Therapeuten) sich nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort befinden müssen. Telegesundheit erlaubt Patienten daher einen leichteren, komfortableren Zugang zur Versorgung und gestattet im Gegenzug Ärzten auch über geographische Grenzen hinweg von ihrer Expertise Gebrauch zu machen.

Die neun häufigsten Telemedizin-Dienstleistungen in den USA

Telemedizin-Dienstleistungen_Healthcareshapers_com
Diagramm: Die neun am häufigsten zum Einsatz kommenden telemedizinischen Dienstleistungen in den USA, angeordnet nach Komplexität ihrer Technologie und Implementation sowie nach ihrem relativen Nutzen und Wert hinsichtlich Gesundheitsergebnissen und Kosteneinsparungen.

Im heimischen Umfeld kann Telemedizin gerade in ländlichen Gebieten ansässigen oder weniger mobilen Patienten den einfachen, zeitnahen Zugang zu Erstversorgung und fachärztlicher Versorgung bieten. Durch die Fernüberwachung von Vitalparametern wie Gewicht, Blutdruck, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung macht sie einen möglichst normalen Lebenswandel trotz bedrohlicher chronischer Erkrankungen möglich. Traditionell haben sich die meisten Telemedizinangebote erst im klinischen Umfeld durchgesetzt, zum Beispiel die Teleradiologie oder Teleintensivstationen. Hier steht vor allem der Zugriff auf Fachärzte im Vordergrund. Die folgenden Fallbeispiele geben einen tieferen Einblick in die neun am häufigsten zum Einsatz kommenden telemedizinischen Dienstleistungen in den USA:

Telemedizin in den eigenen vier Wänden:

  1. Virtuelle Hausbesuche: Heutzutage beschränken sich die meisten ambulanten Arztbesuche auf einen Handschlag und ein ausführliches Gespräch, ohne Abtasten oder Abhören. Warum also Patienten nicht den Weg in die Praxis ersparen? Möchte der Arzt zum Beispiel Untersuchungsergebnisse mit seinen Patienten besprechen, oder möchte ein Patient Fragen mit seinem Facharzt klären, so geht das technisch einfach mit einem Smartphone, Tablet, oder Computer von zuhause, vom Büro oder während Geschäfts- oder Urlaubsreisen vom Hotelzimmer.
  2. Fernbehandlung von gewöhnlichen akuten Erkrankungen: Wird man von Allergien, einer starken Erkältung, oder wiederkehrenden Wehwehchen (wie Migräne oder Ohrenschmerzen) geplagt, kann die Diagnose unkompliziert per Video erstellt und die Behandlung durch das Ausstellen eines Rezeptes eingeleitet werden. In Fällen, wo eine sichere Diagnose nicht möglich ist, kann der Zugang zu qualifiziertem medizinischem Knowhow bei der Entscheidung helfen, ob der Krankenwagen gerufen, die Notfallaufnahme aufgesucht oder der Hausarzt konsultiert werden sollte.
  3. Psychische Gesundheitsversorgung: Chronische Krankheiten wie Adipositas, Bluthochdruck und Herzkreislauferkrankungen gehen oft Hand in Hand mit psychischen Störungen, wie Depressionen, Essstörungen oder einem niedrigem Selbstvertrauen. Aus diesem Grund ist eine kontinuierliche psychische Betreuung für die Behandlung chronischer Krankheiten sehr wichtig. Telemedizin bietet hier durch den einfachen und bequemen Zugriff eine sichere Lösung für die konsequente Einhaltung der wichtigen Termine, verschont die Patienten vom Stress der Anreise und ermöglicht es den Therapeuten und Ärzten die Patienten im häuslichen Umfeld zu erleben.
  4. Telemedizinische Fernnachsorge nach Entlassung: Die einmalige Pauschalerstattung innerhalb von 30 Tagen für Diagnosen wie chronische Herzinsuffizienz hat viele Krankenhäuser dazu veranlasst, vermeidbare Krankenhausaufenthalte zu umgehen, indem Patienten in den Wochen unmittelbar nach ihrer Entlassung fernbetreut werden. So kann eine Dekompensation frühzeitig erkannt und rechtzeitig behandelt werden. Manche Krankenhäuser konnten so ihre Wiederaufnahmeraten um über 80 Prozent senken was zu Renditen aus den Investitionen in die Patientenüberwachung von über 1.000 Prozent führte.
  5. Langzeitüberwachung von chronisch Erkrankten: Für Patienten mit mehreren chronischen Erkrankungen kann eine Langzeitüberwachung signifikante Vorteile bringen: eine höhere Lebensqualität und eine wesentlich reduzierte Anzahl von Krankenhausaufenthalten sind nur wenige Beispiele. Durch die regelmäßige Kontrolle der Patientenvitalparameter und regelmäßige Kontakte über Textnachrichten, Telefon oder Video kann eine eventuelle Verschlechterung des Gesundheitszustandes frühzeitig erkannt und diesem zeitnah entgegengewirkt werden.

Telemedizin im klinischen Umfeld:

  1. Unmittelbarer Zugriff auf Schlaganfallspezialisten in der Notfallaufnahme: Wenn ein Patient einen Schlaganfall erleidet, sind die Auswirkungen auf seine Gesundheit und die Behandlungskosten geringer, je schneller er versorgt wird. Dank Telemedizin kann ein Neurologe im Bereitschaftsdienst den Patienten innerhalb von Minuten befragen, gleichzeitig den radiologischen Befund der Computertomographie einsehen und mit einer hochauflösenden Kamera den Patienten auf schlaganfallspezifischen Anzeichen hin untersuchen, um dann mit den Ärzten in der Notfallaufnahme eine dem Zustand des Patienten entsprechende Behandlung zukommen zu lassen.
  2. Unmittelbare Verfügbarkeit psychischer Gesundheitsfürsorge in der Notfallaufnahme: In vielen amerikanischen Notfallaufnahmen sind die Aufnahmekapazitäten häufig durch psychisch instabile Patienten eingeschränkt, da sie unter Beobachtung gestellt werden müssen, während sie auf ein psychiatrisches Gutachten warten. Mithilfe der Telemedizin können diese Patienten zeitnah auf virtuell bereitstehende psychiatrische und psychologische Spezialisten zugreifen, die eine Behandlung oder Überweisung in entsprechende Einrichtungen veranlassen können.
  3. Vorstationäre Behandlung und Triage in Pflegeheimen: Unnötige Einweisungen in die Notfallaufnahme oder das Krankenhaus führen zu hohen, oft vermeidbaren Kosten. Durch eine zeitnahe Fernuntersuchung, unter Zuhilfenahme des Fachpersonals im Pflegeheim, kann eine geeignete Triage durchgeführt werden, wodurch überflüssige Transporte und akute Behandlungskosten umgangen oder eine direkte Einweisung ins Krankenhaus (ohne den Umweg über die Notfallaufnahme) vorgenommen werden kann.
  4. Virtuelle Besuche mit Fachärzten in Hausarztpraxen: Für viele Patienten, insbesondere in ländlichen Gebieten oder kleineren Städten, ist der Zugang zu Fachärzten mit einer langen, anstrengenden Fahrt verbunden. Mithilfe der Telemedizin können Fachärzte nun auch „Hausbesuche“ in der Hausarztpraxis der Patienten und durch die Unterstützung von entsprechend geschulten Fachkräften („TelePresenters“) einfache Untersuchungen vornehmen. Diese virtuellen Arztbesuche ermöglichen es den Patienten mehr über Behandlungsalternativen zu erfahren, sich für Behandlungen vorzubereiten oder postoperative Nachsorge zu erhalten. Auch werden Konzile zwischen Fachärzten und Hausärzten durch die Videokommunikation und die Echtzeitdarstellung medizinischer Befunde unterstützt.

Ein Blick in die Gesundheitssysteme in den USA, Kanada und in den skandinavischen Ländern genügt, um zu erkennen, dass Telemedizin in der nicht so fernen Zukunft auch in Deutschland zum Standard der Gesundheitsversorgung werden wird. Am Schnittpunkt zwischen Nutzen, Komfort und Qualität, wird sich Telegesundheit innerhalb der Gesundheitsversorgung immer mehr verbreiten, bis in ein paar Jahrzehnten alle Menschen einen implantierten Tricorder besitzen, der ihre Krankheiten überwacht oder behandelt.

Health-Impact-Bonds_Healthcareshapers_com

Zu häufig sind kranke Menschen für die Gesundheitswirtschaft wertvoller als Gesunde. Die aktuellen Vergütungssysteme honorieren überwiegend die Behandlung von Krankheiten und nicht präventive gesundheitsfördernde und -erhaltende Interventionen. Als Ergebnis verlieren Patient, Gesundheitswirtschaft und darüber hinaus die gesamte Gesellschaft. Innovative Ansätze, von denen alle Parteien profitieren, sind erfolgsabhängige Leistungsverträge, bei denen Investoren Maßnahmen vorfinanzieren, die eine positive gesellschaftliche Wirkung erzielen. Was konkret hinter diesen sogenannten Health Impact Bonds steckt und welche Hürden auf dem Weg dorthin zu meistern sind beleuchtet der folgende Beitrag.

Die Weltgesundheitsorganisation zum Beispiel bestätigt, dass in entwickelten Ländern durchschnittlich 50 Prozent1 aller chronisch Kranken ihrer verschriebenen Therapie nicht konsequent folgen und so nicht den erwünschten Gesundheitsnutzen haben. Der Pharmaindustrie gehen durch mangelnde Therapieadhärenz weltweit Umsätze in Höhe von 564 Milliarden Dollar2 verloren. Vermeidbare medizinische Kosten sowie Kosten für Fehlzeiten und reduzierte Produktivität sind hier noch nicht einmal berücksichtigt und werden heute klaglos von der Gesellschaft getragen, denn sie sind nicht transparent.

Obwohl die Vorteile für alle Stakeholder (Leistungserbringer, Krankenversicherer, Patienten, Industrie, Politik) offensichtlich sind und Lösungen hohe finanzielle Anreize bieten, ist das Gesundheitswesen scheinbar nicht bereit, nachhaltig an patientennutzenorientierten Lösungen zu arbeiten. Das Silodenken in den traditionellen Strukturen verhindert die Veränderungen der Rahmenbedingungen hin zu ‚Value Based Health Care’ (VBHC), einer Versorgung, die sich kontinuierlich an den Ergebnissen, dem Nutzen der Intervention, orientiert2.

Vier Hürden
Was hält die Gesundheitswirtschaft davon ab, ihren Innovationsfokus gezielt auf nutzenorientierte Versorgung zu legen und damit sowohl mehr Wert für das Unternehmen als auch für den einzelnen Bürger und die gesamte Gesellschaft zu schaffen? Durch Interviews mit 24 Expertinnen und Experten aus Deutschland3 konnten vier Hürden identifiziert werden, die mit dem Ergebnis anderer Befragungen übereinstimmen:

  1. Fehlende finanzielle Anreize für nutzenorientierte Interventionen
  2. Verstecken hinter Vorschriften statt Fokus auf Wirkung und Innovation
  3. Innovationslücken: Patientenzentrierung, Digitalisierung, neue Geschäftsmodelle
  4. Furcht vor sektorenübergreifender Zusammenarbeit

Health Impact Investing als neue Chance
Social Impact Bonds, die insbesondere in den USA und England bereits erfolgreich umgesetzt wurden, lassen sich in den Gesundheitsbereich übertragen und dienen als Pilotmodell für Health Impact Bonds. Investoren finanzieren hierfür erfolgsabhängige Leistungsverträge vor, die eine positive gesellschaftliche Wirkung erzielen, von der der Staat gesellschaftlich und wirtschaftlich profitiert. Bei Erreichen der vorher festgelegten Outcome-Ziele zahlt der Staat dem Investor seine Investition inklusive einer Rendite zurück. Dieses Finanzierungsmodell stellt sicher, dass die Outcome-Parameter zwischen allen Partnern vorher klar festgelegt und nach Abschluss des Projektes gemessen werden, die Wirkung also quantifiziert wird.

Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und der ständigen Zunahme von chronischen Erkrankungen wird sich das deutsche Gesundheitswesen verändern müssen, um bessere Health-Outcomes zu erreichen und der drohenden Kostenexplosion zu begegnen. Drei Erfolgsfaktoren sind wesentlich für den Erfolg:

  1. Integriert und kollaborativ arbeitende Gesundheitsökosysteme
  2. Skalierbare patientenzentrierte und Technologiegestützte Lösungen
  3. Innovative Finanzierungslösungen zur nachhaltigen Finanzierung

Für Investitionen in den Gesundheitsbereich wurden Impact Bonds bisher kaum eingesetzt. Die Niederlande prüfen und entwickeln derzeit Health Impact Bond Ideen mit der ABN AMRO Bank als potenziellem Investor. Beispiele aus South Carolina und Kalifornien von laufenden HIBs aus den USA veranschaulichen das Potenzial von Health Impact Bonds auch in Deutschland. Outcome Payer wären die Krankenkassen, weil sie von der gesundheitsökonomischen Wirkung (Kosteneinsparungen) profitieren. Sie tragen kein Risiko, denn sie zahlen nur im Erfolgsfall, nämlich, wenn die vorher vereinbarten Outcome-Ziele erreicht werden.

Die Stakeholder im Gesundheitswesen haben eine Wahl. Sie können entweder versuchen, ihre heutigen Geschäftsmodelle zu verteidigen und weiter isoliert Produkte anstelle von ganzheitlichen Lösungen anzubieten. Oder sie können die Zukunft aktiv mitgestalten, indem sie wertorientierte und patientenzentrierte Interventionen, sektorenübergreifende Ansätze, neue Gesundheitsökosysteme und neue Geschäfts- und Finanzierungsmodelle vorantreiben – und damit letztlich bessere Gesundheit für die Bürger schaffen.

Quellen:
1 World Health Organization, 2003, Adherence to Long-Term Therapies, Evidence for Action.
2 The Economist Intelligence Unit 2016, Value-based Healthcare: A global Assessment, commissioned by Medtronic.
3 Die 24 Interviews mit Stakeholdern im deutschen Gesundheitswesen wurden zwischen März und Mai 2017 geführt. Es wurden Patienten und Vertreter der Krankenversicherer, der Leistungserbringer, der Pharmaindustrie, der Politik und sonstiger Gesundheitsdienstleister in 20-60-minütigen telefonischen, schriftlichen oder persönlichen Interviews befragt.

Erfahren Sie hier in 90 Sekunden von Healthcare Shaper Sabine Kraus, weshalb die deutsche Gesundheitswirtschaft Health Impact Bonds braucht:

Hands-on-Tipps-Digitalisierung_Healthcareshapers_com

Die elektronische Patientenakte ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr Deutschland beim Thema Digitalisierung hinter Ländern wie Skandinavien oder dem Baltikum zurückliegt. Bei anderen digitalen Gesundheitslösungen, die den Dialog zwischen Arzt und Patient verbessern könnten, sieht es kaum besser aus. Die Lobbyisten der etablierten Akteure führen gerne rechtliche Hürden und den Datenschutz als Gründe an, weshalb die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche nur schleppend vorankommt. Dabei sind die wirklichen Motive neben fehlenden Abrechnungsmöglichkeiten auch die Angst vor Kontrollverlust und hartem Wettbewerb. Zudem wird Veränderung meist als ein schmerzhafter und mit Mühen einhergehender Prozess erlebt. Dass es aber auch in der Gesundheitswirtschaft Fälle gibt, wo schon heute „Industrie 4.0“ stattfindet, sieht man in den Bereichen, in denen Patienten nicht direkt involviert sind.

Digital geprägte Berufsbilder sind etwa in der Arzneimittelentwicklung entstanden. So haben Forscher zum Ziel, Angriffspunkte zu identifizieren, an denen ein Medikament im Krankheitsgeschehen ansetzen könnte. Quantitative Systempharmakologie unterstützt sie dabei, biologische Netzwerke als Zahlenmodell zu beschreiben. Beispiel Big Data: massenhaft werden Gewebe- oder DNA-Proben gesunder und kranker Patienten miteinander verglichen, um Muster zu erkennen. Ohne digitale Werkzeuge wie etwa lernende Systeme und künstliche Intelligenz wäre dies gar nicht möglich.

Auffälligkeiten, etwa bei einzelnen Molekülen, werden dann im Dialog zwischen IT-Experten, Biologen und Medizinern genauer analysiert. Mittels Algorithmen filtern sie aus den tausenden von weltweit publizierten medizinischen Fachartikeln schnell die Studien heraus, die in einem bestimmten Kontext relevant sind. So können die betreffenden Arzneimittelforscher Vergleiche aus der Literatur zu eigenen Ergebnissen herstellen und erkennen, welche Substanzen vielleicht Wirkung zeigen und möglicherweise Krankheiten lindern oder heilen.

Von anderen lernen — Erfahrungen aus der Praxis
Apropos Forscher: wie Lars Hanf, Director Marketing Communications beim Pharma- und Laborzulieferer Sartorius im Video darlegt, suchen 74 Prozent der Wissenschaftler heute online nach Informationen und gehen nicht mehr in Bibliotheken. Er erläutert in sechseinhalb Minuten, wie Sartorius über E-Commerce den Einstieg in die Digitalisierung gefunden hat und gibt Tipps für Digital-Projekte. Es gäbe nicht den digitalen Masterplan, sondern jedes Unternehmen müsse den für sich passenden Plan entwickeln. Lars Hanf rät, zunächst mit überschaubaren Projekten zu beginnen und diese dann konsequent weiter auszubauen. Er betont die Wichtigkeit einer Lern- und Fehlerkultur und schlägt vor, Teams zusammenzustellen, die sowohl Fach- als auch digitale Kompetenzen haben. Vor allem aber bräuchte es Leute, die Spaß an der Sache haben und Neues ausprobieren wollen.

Den richtigen Einstieg finden und von Beginn an Mehrwert schaffen
Aller Anfang ist schwer und nicht für jedes Unternehmen beginnt Digitalisierung mit E-Commerce. Wie die Erfahrung zeigt, nutzen fortschrittlich denkende Unternehmen Digitalisierung für drei unterschiedliche strategische Ziele:

  1. Optimierung von Prozessen
  2. Bessere Kollaboration mit Kunden und Lieferanten
  3. Neue Geschäftsmodelle

Daher stellt sich insbesondere für Entscheider der Gesundheitsbranche die Frage, wie und wo der Einsatz digitaler Lösungen beginnen soll, welche Werkzeuge dafür sinnvoll sind und wie digitale Veränderungsprozesse bewerkstelligt werden können.

Bei der Priorisierung möglicher Themen und Maßnahmen hilft eine Abschätzung des Potenzials digitaler Lösungen entlang der Wertschöpfungskette. Diese Betrachtung verdeutlicht, welche Arbeitsschritte durch Digitalisierung überflüssig werden. Da hier oft die eigentliche Disruption beginnt, zeigt eine Potenzials- und Wettbewerbsanalyse entlang der Wertschöpfungskette auch, welche anderen Spieler die Nase vorne haben. Zunächst gilt es also, Klarheit darüber zu gewinnen, in welchen Bereichen des Unternehmens der Einsatz digitaler Lösungen den höchsten Mehrwert erzielen kann. Aber auch zu klären, an welchen Stellen man besser mit Partnern zusammenarbeitet, die eine höhere digitale Kompetenz haben.

Sobald das strategische Ziel für den Einsatz digitaler Lösungen feststeht, geht es darum, die passenden Technologien auszuwählen, anzupassen, oder neu zu entwickeln. Aber jetzt ist Vorsicht angebracht, denn von Technologieanbietern wird gerne suggeriert, dass IT-Lösungen beliebig verändert und auf die jeweilige Situation im Unternehmen angepasst werden können. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus. Es kommt also darauf an, potenzielle Interessenkonflikte zu erkennen und aus bereits vorhandenen Erfahrungen zu lernen. Gesunder Pragmatismus ist hier ein guter Ratgeber.

Bei der anschließenden technischen Implementierung, die eine Anpassung und Verbesserung von Strukturen und Arbeitsabläufen nach sich zieht und daher kulturelle Veränderungen mit sich bringt, liegt der Mehrwert für das Unternehmen in der konsequenten Umsetzung. Denn nur so schlagen sich die Effizienzgewinne am Ende des Tages auch im Ergebnis nieder. Der Einstieg in die Digitalisierung erfordert daher neben unternehmerischem Denken und Handeln auch die richtige Kombination von Branchenerfahrung, strategischer Kompetenz und technologischem Verständnis.

Das_deutsche_Gesundheitswesen_(noch_nicht)_digital_Healthcareshapers_com

In Deutschland erwirtschaften bereits 27 Prozent der Unternehmen mehr als 60 Prozent ihres Umsatzes auf digitalen Kanälen. Schlusslichter sind laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und Monitoring Report Wirtschaft Digital die Einrichtungen des Gesundheitswesens und die Pharmaindustrie. Die Ursachen sind vielfältig, doch die Notwendigkeit ist hoch, Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben. Praktische Beispiele zeigen Nachbarländer auf, wo der Patient dank digitaler Vernetzung eine individuelle Versorgung genießt.

Ein Kernproblem für den zögerlichen Wandel von „individuellen, papiergebundenen Abläufen hin zu strukturierten, wiederholgenauen und geplanten Prozessen, die durch Informationstechnik gestützt und abgebildet werden“, so eine Definition für Digitalisierung, ist das Fehlen einer Nachfrageseite im deutschen Gesundheitsmarkt. Helfende Marktkräfte werden zum Beispiel durch paternalistische Traditionen unterbunden: Ärzte und andere Heilberufe wehren sich dagegen, Digitalisierung zuzulassen und damit Inhalte, Abläufe und Wissen zu demokratisieren. Kassenärztliche Vereinigungen wiederum entscheiden unter dem Deckmantel der Versorgungssicherheit und der Bedarfsplanung hoheitlich über den kollegialen Schutz vor anderen. So lassen sich schwer neue Praxen umsetzen, in denen Digitalisierung normal sein könnte: durch den Zugang aller zur gleichen Datenlage, Integration von Telemedizin in den Alltag oder nur eine Online-Terminplanung für Patienten. Die deutschen Apotheken ihrerseits gehen gerichtlich gegen den Online-Wettbewerb vor und Pharmaunternehmen ruhen sich auf ihren momentanen Renditen aus, obwohl letztere über riesige Wissensressourcen verfügen, um sich „dem individuellen Patienten“ zuzuwenden. Nicht nur die Weltgesundheitsorganisation beklagt, dass die Hälfte aller Medikamente nicht sachgerecht oder gar nicht eingenommen werden. Diese meist bewussten Patientenentscheidungen machen damit 50 Prozent der Aufwendungen des Gesundheitssystems frucht- und erfolglos.

Digitalisierung bedeutet Demokratisierung und Individualisierung
„Cave linguam“ hieß es früher, wenn Patienten während der Chefarztvisite nicht zu viel verstehen und Assistenzärzte ihre Zunge im Zaum halten sollen. Heute gibt es Internetseiten, die Befunde und Diagnosen in Patientensprache übersetzen, Arbeitsgruppen, die Beipackzettel verständlich machen und nicht zu vergessen: „Dr. Google“. Patienten sind weit entfernt davon, eine amorphe Masse darzustellen. Millionen individueller Patienten suchen nach Antworten auf die Fragen „Was habe ich? Was tut das mit mir? Was kann ich dagegen tun?“ und müssen „fragefähig“ gemacht werden, um eine Nachfrage ausüben und gute Entscheidungen treffen zu können. Patientenindividuelle Unterstützung in großem Stil kann deswegen nur die digitale Technik leisten.
Das Kantonspital Genf stellt bereits eine technische Plattform bereit, auf der jeder Patient seine Daten sehen, mit eigenen Erkenntnissen anreichern und mit Menschen seiner Wahl teilen kann. Auch der National Health Service (NHS) in England plant das Gesundheitswesen in absehbarer Zukunft vollständig papierlos zu gestalten. Partizipation, Fragefähigkeit, sachgerechte, zertifizierte und verstehbare Informationen zur eigenen Erkrankung herzustellen, muss Ziel der Digitalisierung im Gesundheitswesen sein. Die Frage ist, welche der aktuellen Player im Gesundheitswesen sich diesem Thema wann verschreiben werden? Solange Ärzte per Gesetz vor ihren Kollegen, Ärzte vor Apothekern und diese wiederum vor anderen Apotheken geschützt werden, und es nicht gelingt, die sektorale Trennung aufzuheben, bleibt Digitalisierung eine erkennbar unwillkommene Randerscheinung.

Handeln, bevor Uber kommt
Möglicherweise wird es ein digitales Startup sein, dass Krankheitsprävention und Patientenversorgung auf den Kopf stellt, „radikale Patientenorientierung“ umsetzt und Pharma zur Zulieferindustrie degradiert. In einem solchen Szenario werden Krankenkassen und -versicherungen nur Kostenträger bleiben. Es wird auch hier gelten: Wer sich nicht ändert, wird geändert.
Die digitale Disruption hat erst begonnen und ihr Momentum beschleunigt sich weiter. Es ist wert daran zu denken, dass Paypal nicht von einer Bank und AirBnB nicht von einem Hotelkonzern betrieben werden. Und die „Ubers dieser Welt“ erfreuen sich inzwischen an der Automobilindustrie als wesentlichem Teilhaber. Digitalisierung wird sicherstellen, dass Patienten ihre eigene Erkrankung besser managen können. Nicht nur deswegen verdient das deutsche Gesundheitswesen einen deutlichen und baldigen Digitalisierungs- und damit Effizienzschub. Die Zahl der “Windows of Opportunity“ für die einschlägigen Industrien derzeit ist groß.

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